Horst Well

ehemaliger Lehrer für Biologie und Chemie.

Fotos einer ehemaligen Schülerin

Ich möchte von meinen Anfängen als Lehrer in Zeven erzählen. Und damit das Glück jener Tage auch richtig deutlich wird, greife ich noch ein paar Monate weiter zurück auf eine kleine Begebenheit in meiner Referendarzeit in Hannover, eine der Unterrichtsstunden, die ich selbständig zu geben hatte.

Das Kollegium 1960

Die Schüler verhielten sich normal, das hieß: ich hatte weder die Disziplin im Allgemeinen noch den Geräuschpegel im Besonderen im Griff. Vorsichtig ging da die Tür auf, der stellvertretende Schulleiter steckte den Kopf herein und sagte: "Ach Verzeihung, Herr Kollege, ich dachte, hier wäre kein Lehrer anwesend". Die Tür ging wieder zu.

Szenenwechsel. Kontrastprogramm: Zeven, meine erste ordentliche Stelle. Das kleine Paradies! Disziplinschwierigkeiten: Fehlanzeige. Eine meiner ersten Aufgaben war eine Pausenaufsicht auf dem Schulhof, der umkränzt war von Baracken, in denen Flüchtlinge lebten. Da spielten also die Kinder der 5. bis 8. Klassen. Es läutete zum Pausenende. Ich rieb mir die Augen: Alle traten in Zweierreihen an, vor dem Eingang der Schule, dem jetzigen Durchgang von der Pausenhalle nach Haus 1. Einige fassten sich beim Händchen. Sie warteten auf mein Zeichen, dass sie reingehen durften. Ich gab das Zeichen, als gebürtiger Großstädter noch ein bisschen verwirrt über diese Kleinstadtidylle.

Das Sekretariat 1955
Blick auf den Schulhof;
auf dem Platz ist jetzt die Pausenhalle,
an der Stelle der Notquartiere (Baracken)
befindet sich jetzt die Turnhalle (1957)

Für manche der Schüler aus den umliegenden Dörfern war diese Welt allerdings schon groß. Eine Szene, die mir in Erinnerung geblieben ist: Wir machten einwöchigen Probeunterricht für Schüler, die in die 5. Klasse des Gymnasiums aufgenommen werden wollten. Wir unterrichteten im jetzigen Raum 101, gleich neben der Bahn. Eigentlich sollten die jungen Kandidaten ja ganz darauf konzentriert sein, sich für den Sprung in diese einmalige Institution des Landkreises zu qualifizieren. Waren sie auch bis sie ein unbekanntes Geräusch aufschreckte. Vor den Fenster rumpelte ein Zug der Wilstedt-Zeven-Tostedter Eisenbahn vorbei. Für einen Teil unserer Schüler zwar ihr tägliches Verkehrsmittel, aber einige von unseren neuen Kleinen ließen einfach Prüfung Prüfung sein und stürzten an das Fenster, um das Neue zu sehen. Milde ließen wir Lehrer sie gewähren und fuhren mit dem Probeunterricht fort, nachdem das große Erlebnis vorüber war. Ich wurde an die Erzählung meiner Frau erinnert, die ein gutes Vierteljahrhundert früher mit ihren Mitschülern ähnlich handelte, als erstmals ein Flugzeug über ihrer ostpreußischen Dorfschule erschien.

Nicht unerwähnt bleiben darf das liebe, kleine Lehrerkollegium. Mit uns beiden Neuen waren wir sieben, einschließlich Schulleiter. Noch kleiner allerdings das Lehrerzimmer, das jetzige Erdkunde-Kartenzimmer. Die rund 13 Quadratmeter teilten wir uns nicht nur untereinander, sondern auch noch mit einigen Regalen und mindestens einem Schrank voller Lehrmittel, wenn ich mich recht erinnere. Allerdings war da noch ein Fenster mit Blick auf den Schulhof. In lebhafter Erinnerung ist mir jedenfalls dies: Hatte man nicht gerade selbst einen Außenplatz am Tisch, musste wenigstens einer mit aufstehen, wenn man mal raus wollte.

Blumen auf der Fensterbank im
Klassenzimmer (um 1960)
Klassenfahrt 1961 (II)

Sonst ging das nicht. Alle taten das ohne Murren, für unsere tapfere, beinamputierte, schon ältere Sportlehrerin, Frau Marquardt, empfanden wir das jedes Mal als eine Zumutung. Die Stadt Zeven als unser damaliger Schulträger war ja froh, mit dem ehemaligen Reichsarbeitsdienst-Gebäude überhaupt so viel Raum zur Verfügung stellen zu können. Bald aber begann die unendliche Geschichte des Anbauens...

Ich habe das Wort vom kleinen Paradies später nicht mehr so häufig verwendet - schließlich werden auch die schönsten Dinge zur Gewohnheit, und Veränderungen blieben ja auch nicht aus. Aber dass ich meine erste Stelle gern auch meine einzige bleiben ließ, spricht doch für Zeven und sein St.-Viti-Gymnasium. Oder?

Horst Well, im Februar 2005 

ca. 1959
Klassenfahrt 1961 (I)
Klassenfahrt 1961 (III) Frühsport
Ein Schulfest
(Anfang der 60er Jahre)
Horst Walther, Hamburg