GENERELL: Designer braucht das Land!

Spezialisten oder Generalisten?
Welche Mitarbeiter braucht die Informationsverarbeitung?

Dr. Horst Walther, ehemaliger GENESiS-Mitarbeiter, ist leitender Partner bei der agens Consulting GmbH, D-25479 Ellerau

Die Softwareentwicklung im Wandel

Die Software entwicklung im Wandel

Ein Blick zurück auf die letzten 25 Jahre lnformations- (bzw. Daten-) Verarbeitung zeigt es deutlich. Die Art wie wir Software entwickeln hat sich gewandelt. Ein noch stärkerer Wandel kündigt sich bereits an. Die heutigen Haupteinflussfaktoren sind ...

1. Das Schreiben von Software wird erleichtert

Mit der Programmierung von "Elektronenrechnern" hat es begonnen. Zwar ist die Programmierung nicht die einzige Phase im Softwareentwicklungsprozess und möglicherweise auch nicht die wichtigste, dennoch hat sie die Softwareentwicklung geprägt.

Gerade weil das Schreiben von Computerprogrammen so aufwendig war, weil es so schwierig war, in fertigen Programmen noch Fehler zu beseitigen oder grundlegende Änderungen durchzuführen gerade weil im Mikrokosmos der Programmstatements so unendlich viele Freiheitsgrade für eine mehr oder weniger gute Gestaltung liegen, wurden - in dieser Reihenfolge - die Disziplinen Programmdesign und Systemanalyse entwickelt. Zwar ist nach enttäuschter CASE-Euphorie und geheiltem Generator-Wahn die Erkenntnis geblieben, dass sich die manuelle Codierung nicht komplett abschaffen lässt. Diese ist dafür aber deutlich erleichtert worden. Mächtigere (objektorientierte) Programmiersprachen, bessere Unterstützung der herkömmlichen Sprachen wie COBOL. Codeanalyse- und Reengineering-Tools und erste Ansätze zu visueller Programmierung verringern Aufwand und Risiko des Codierens.

Diese neugewonnene Leichtigkeit des Programmiererdaseins erlaubt es uns, einen geänderten - Prototyping-ähnlichen - Software-Lifecycle zu wählen.

2. Der Analyse-Design-Bruch verschwindet

Die Analyse, also die rein fachliche Darstellung eines Problems, einer Aufgabe oder eines kompletten Unternehmens war bisher nach den strukturierten Methoden eine eigene Welt. Informationen konnten nur mittels mühsamer Transaktionen und nur teilweise in das Design hinüber gerettet werden. Hier bringen objektorientierte Methoden Linderung: Der Übergang aus der konzeptionellen Welt in die der technischen Abbildung wird glatt und bruchlos. Abbildungen von Objekten des wirklichen Lebens lassen sich teilweise in der Software wiederfinden.

Neuer Life-Cycle

3. Hohe IV-Durchdringung der Unternehmen

Ursprünglich wurde Software gezielt dort zur Unterstützung der menschlichen Arbeitskraft eingesetzt, wo sich die höchsten Rationalisierungseffekte ergaben. Punktuell entstanden IV-Inseln. Langsam wuchsen die Inseln zusammen. Neue, erst durch IV-Einsatz mögliche, Anwendungen traten hinzu. Mit dem Ansatz der Geschäftsprozessoptimierung werden ganze cross-funktionale Bereiche betrachtet und informationstechnisch unterstützt. Der menschliche Puffer- und teilweise Korrektor - zwischen zwei automatisierten Prozessen entfällt häufig. Damit stellen sich deutlich höhere Anforderungen an die Zuverlässigkeit von Programmen als in der Vergangenheit.

4. Die Qualitäts-Anforderungen steigen

Insgesamt steigen die Anforderungen an die Qualität der Produkte und damit an die Prozesse. Nach Ende der Ära der Massenproduktion wird Produktqualität zum Wettbewerbsfaktor auf dem Markt. Zertifizierte Prozessqualität wird zur Eintrittskarte für Softwarehäuser und andere Zulieferer.

Ob eine Zertifizierung nach lSO9000ff. zum Anlass für die Einführung einer TQM-Strategie genommen wird oder aus Gründen der Steuerbarkeit des Softwareproduktionsprozesses eine höhere Prozessreife nach dem SEl-Modell angestrebt wird: Qualität ist in der Softwareentwicklung zum Thema geworden und wird es noch eine Weile bleiben.

Neue Know-How-Schwerpunkte

5. Höhere Anforderungen an Planbarkeit

In dem Maße wie die Informationsverarbeitung den Weg von der "schwarzen Kunst" zu einem ganz normalen Business beschreitet, müssen sich auch die hier tätigen Mitarbeiter und ihre Erzeugnisse einer Planbarkeit und einer erhöhten Kosten-/ Nutzen-Determinierung stellen. Bekannte, aber seit je ungeliebte Techniken wie function point analysis, Software-metrics und überhaupt das Arbeiten mit Entwicklungsprozessen einer gewissen Reife werden zunehmend eingesetzt und treiben die Entmystifizierung voran.

Warum und wie lange Spezialisten?

In Zeiten des Rotstiftes - oder besser der Professionalisierung der Softwareherstellung - müssen sich die Softwerker besser als bisher "verkaufen". Sie müssen zukünftig ihren Wert wirtschaftlich nachvollziehbar und numerisch in einer Kosten-/ Nutzen-Relation nachweisen. Seit den Zeiten der Mainframe- Dominanz ist die Informationsverarbeitung demokratisiert worden; Seit keine "weißbekittelten Hohepriester" mehr in klimatisierten Räumen für den Normalbürger unfassbar Geheimnisvolles" tun, muss auch diese ehedem so exotische Branche messbar werden. Sie muss ihre Arbeitsprozesse und deren Ergebnisse in Kennzahlen fassen und über benchmarking einem Branchenvergleich zugänglich machen.

Ein Blick in andere Disziplinen zeigt, dass ehedem Spezialisten vorbehaltene Wissens-Domänen Allgemeingut werden können. War beispielsweise in der Frühzeit der Geschichte der Automobilnutzung der Chauffeur eine Spezialkraft, so ist diese "Kunst" heute Allgemeingut. Ein anderes Beispiel ist Homebanking, eine Tätigkeit mittels der jedermann z.B. eine Banküberweisung vornehmen kann, die zuvor nur von Bankmitarbeitern durchgeführt wurde.

Davon bleibt auch der Computer nicht verschont. Einst war die Programmierung von Computern eine "schwarze Kunst", die nur von wenigen "Teufelskerlen" beherrscht wurde. Die Fachkenntnis der Gerätebenutzung / -beherrschung stand im Vordergrund. Der Beruf des Programmierers war geboren. Heute stehen wir in o Europa vor einer Programmiererschwemme. Normale kommerzielle Software lässt man heute in Indien fertigen.

Offenbar haben Spezialisten ihren spezifischen Lebenszyklus - ein Zeitfenster ihrer Daseinsberechtigung: Zunächst blickten nur wenige Unerschrockene der Herausforderung einer neuen schwierigen Aufgabe ins Auge, leisteten Pionierarbeit für Nachfolgende, die das Wissen in einem geordneten Lernprozess übernehmen konnten bis die speziellen Skills irgendwann einmal Allgemeingut geworden sind.

Neue Know-how-Schwerpunkte

Was ändert sich damit für die gestandenen Berufe Analytiker, Designer, Programmierer und Testen QS-Mitarbeiter? Spezialisten oder Generalisten?

Analytiker ...

Die Anfang der 80er Jahre aufgekommene Erkenntnis, dass es vor jeglicher technischer Abbildung sinnvoll sein kann, den Problemraum nach Daten, Funktionen und Zuständen auszuloten, ist zwar vergleichsweise jung, aber dennoch hat bereits manch ein Projekt bewiesen, dass man sich auch zu Tode analysieren kann. Dass es nicht sinnvoll sein kann, immer wieder alles neu und von vorne zu analysieren, als sei noch keine Zeile codiert worden und die Welt noch essentiell und rein, wie vor dem Spagetticode-Sündenfall. Wichtiger werden die Pflege von Unternehmensmodellen und ihre Zuordnung zu vorhandener Software oder die Einbindung generischer Unternehmensmodelle wie IAA (Insurance Application Architecture) und FAA (Financial Application Architecture). Gefragt ist die Berücksichtigung der vorhandenen wirklichen Welt: Vielleicht ist der Domain Analyst - eine Mischung aus Analytiker und Wartungsprogrammierer - das gewünschte Zwitterwesen. Ein Quäntchen Metric für quantitative Aussagen könnte ruhig auch dabei sein

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Designer ...

Die provozierende These lautet: Designer bat es bisher eigentlich nicht gegeben - sie wurden immer nur postuliert. In vielen Unternehmen sitzen entweder junge C-Heißsporne oder alte COBOL-Hasen, die im verzweifelten Kampfe ergraut und mit den Jahren weise und änderungsresistent geworden sind. Auf der anderen Seite die Analytiker - jünger und intellektueller zumeist - modellieren sie redundanzfrei die reine Essenz dieser unvollkommenen Welt. Dazwischen aber klafft - vielfach beklagt - die Design-Lücke. Dabei hat der Entwurfsarchitekt eigentlich die anspruchsvollste Aufgabe. Hier läuft alles zusammen. Die Analyseergebnisse müssen in der Tiefe verstanden werden können. Intensive Erfahrungen in Systemauslegung und Programmierung im kleinen wie im großen müssen vorhanden sein. Die zukünftige Verwendung von Frameworks und Designpatterns erleichtert diese Tätigkeit vorläufig nicht. Sie macht sie zunächst noch komplexer.

Programmierer ...

Hier wird es zu großen Veränderungen kommen. Der Zwang zu kostenbewusstem Handeln wird die traditionellen großen Programmiershops nicht mehr zulassen. Die derzeit heile Programmiererwelt wird zweigeteilt - in die Komponentenfertiger und die Komponentenverwender. Letztere setzen mit Hilfe grafischer Applikationsgestaltungswerkzeuge vorgefertigte Softwarekomponenten zusammen. Diese sind letztlich von den Komponentenfertigern, kleinen spezialisierten Teams, Ingenieurbüros ähnlich, erstellt worden. Zwischen beiden aber steht in Zukunft als Wächter und Verwalter der Unternehmenswerte, in Form von wiederwendbaren Komponenten, das ReUse-Management.

Tester / QS-Mitarbeiter ...

Im Bereich Qualitätsmanagement besteht quer durch die gesamte Disziplin ein erheblicher Nachholbedarf. Das Arbeiten nach strenger Methodik und unter einem umfassenden Qualitätsbegriff ist noch allzu oft Utopie. Und es ist - zunächst - teuer. Vielleicht können wir uns die erforderlichen Entwurfs- und Überprüfungsarbeiten nur dann leisten, wenn wir uns auf die Herstellung jener berühmten 15% Softwarekomponenten beschränken, die in sogenannten kommerziellen Softwaresystemen wirklich neu sind. Die restlichen 85%,die so oder ähnlich schon einmal realisiert worden sind, gilt es dann wieder zu verwenden.

weniger - aber besser qualifizierte - Mitarbeiter

Zusammenfassung

Spezial-Know-how wird also langsam Allgemeingut - aber neue Schwerpunkte erfordern neue Spezialisten.

Die drei neuen Stars sind:

Eher traditionelle Berufsbilder wie Programmierer oder Analytiker wandeln sich und / oder werden dank besserer Technik seltener gebraucht.

Der Entwurf aber wird wichtiger, professioneller und anspruchsvoller, mit hin - Designer sind gefragt. Die zukünftigen Mitarbeiter der Softwareentwicklung sind ...

Der Trend geht zum Generalisten - Erfahrungsbreite statt Erfahrungstiefe -aber unterstützt wird der zukünftige Softwerker von den neuen Spezialdienstleistern - bis dieses Spezial-Know-how vielleicht auch einmal Allgemeingut wird?

Neue Know-how-Schwerpunkte ...

Horst Walther, GENESiS INTERN(ation)AL, Nr. 16 SOMMER 1995