Rüdiger Nehberg wird von seiner Frau Maggy mit einem Bild von seiner Abreise begrüßt.

Die Karl May's unserer Tage leben mitten unter uns. In Wandsbek etwa, wo der Konditormeister Rüdiger Nehberg seine Geschäfte führt. Ein Bürger, wie es scheint, den nichts unterscheidet von uns allen. Doch solch Eindruck trügt: Nehberg kam erst Anfang Mai von seiner vierten Äthiopien-Expedition zurück.

Nach über vier Monaten, in denen Strapazen und Gefahren miteinander um die Vorherrschaft stritten.

Als andere Leute ihren Silvester-Kater ausschliefen, waren drei Männer in Hamburg zu ihrem großen Abenteuer aufgebrochen. Justament am 1. Januar 1977 zogen Rüdiger Nehberg, der Kameramann Klaus Denart und der Chemie-Student Horst Walther gen Süden Ihr Ziel war die Danakil-Wüste in Äthiopien, eines der heißesten Gebiete der Erde.

Doch nicht nur dies: Die Danakil-Wüste gilt auch noch als einer der am wenigsten erforschten Flecken dieser Welt. Unzählige und noch immer tätige Vulkane, heiße Quellen, Salzstöcke und Schwefelfelder lassen sie einer Hexenküche ähneln. Und dazu kommt, ihre Bewohner, die Afars, nicht gerade zu den friedlichsten Leuten zählen. Ihre Sitten und Gebräuche sind seit Jahrhunderten geprägt; alle Versuche der Regierungen in Addis Abbeba, sie von den oft recht grausamen Riten abzubringen, hatten nur oberflächliche Erfolg.

In diesem »Höllenloch« wollten Nehberg, Denart und Walther Versuchen nachgehen, die zuerst einmal phantastisch erscheinen mögen: Sie wollten ein System erproben, mit dem aus der Luft Wasser gewonnen werden konnte. Das Geheimnis: die Chemikalie Zeolith. hat die Eigenschaft, Luftfeuchtigkeit sehr konzentriert in sich zu speichern. Sie gibt die Feuchtigkeit allerdings auch nur ungern wieder ab, erst bei einer Hitze von mehr als 240° C. Mittels eines selbstgebauten Hohlspiegels wollten die drei Hamburger in der Wüste diese Hitze erzeugen und das im Zeolith gespeicherte Wasser gewinnen.

Natürlich stand noch mehr auf ihrem Programm. Da sollten Filme von einem unbekannten Land gedreht werden. Abenteuer erlebt, neue Eindrücke gewonnen werden. Wobei gesagt werden muß, daß die drei Hamburger keine Greenhorns auf diesem Gebiet sind. Nehberg zum Beispiel hat 1972 zusammen mit dem Kameramann Michael Teichmann in einem selbstgebauten Boot als erster den Blauen Nil befahren und darüber auch ein Buch geschrieben. 1975 war Michael Teichmann bei einer weiteren Äthiopien Expedition am Blauen Nil von räuberischen Eingeborenen erschossen worden. Und Klaus Denart hat lange Zeit in Afrika gelebt, hat mit der Kamera dort praktisch den ganzen Kontinent durchstreift

Trotz aller Erfahrungen aber: das Kapitel Danakil machte den drei Forschern zu Beginn unerwartete Schwierigkeiten. Die Behörden in Addis Abeba verweigerten die Einreisegenehmigung, weil die Wüste von Aufständischen verunsichert wird und als Hinterland für die in der Provinz Eritrea operierenden Angehörigen der "Eritreischen Befreiungsfront" gilt, Rebellen, die die Selbständigkeit ihres Landes fordern. Irgendwie schafften die Hamburger es dennoch, in das militärische Sperrgebiet einzudringen. Doch dann begannen erst die richtigen Schwierigkeiten. Die Führer ließen sie im Stich, von Ansiedlung zu Ansiedlung mußten sie sich, neue Eingeborene zum Führen mieten, deren Forderungen immer höher lagen. Als sie so schließlich allein einen Vulkan aufsuchen wollten, überfielen sie vier Bewaffnete, nahmen ihnen alles Geld weg, und Nehberg und seine Freunde durften noch froh sein, daß sie Kameras und Filme behalten konnten. Ein paar Tage später geriet die Expedition in die Gewalt einer Bande, deren Anführer sie offensichtlich an die Äthiopier ausliefern wollte. Vermutlich versprach er sich davon eine hohe Belohnung. Mit Hilfe eines Eriträers konnten die Deutschen entkommen, kamen in die Provinz Eritrea und weilten dort seit März bei Gruppen der "Eritreischen Befreiungsfront".

"Eine wilde Zeit", erzählt Nehberg. Während des Tages mußten sie sich verstecken, um nicht den Piloten der äthiopischen Luftwaffe ein willkommenes Ziel zu bieten. Sonst aber beherrschen die Aufständischen das Land. Nur noch sechs, sieben größere Städte befinden sich noch in der Hand der Regierungstruppen, sind aber von den Eriträern fest eingeschlossen. Klaus Denart gelang es, von der Einnahme der Stadt Tessani durch die Aufständischen einen Film zu drehen.

... schrieb das Farmsener Wochenblatt am 18. Mai 1977