HEIMATHAFEN KIEL DIE GRößSSTE YACHT DER KAISERZEIT SCHRIEB GESCHICHTE

"Germania" - Segeln mit Damensalon

Gerade erschienen: Die Fotoschätze aus dem Archiv der Krupps über die Yachten des Stahlbarons. Die erste "Germania" war das gewaltigste Schiff ihrer Zeit.

Von Svante Domizlaff

Kiel -

Deutsch sollte die Yacht sein. "Deutsch vom Kiel bis zum Flaggenknopf." Das hatte Gustav Krupp dem Kaiser versprochen. Und deutsch wurde der Schoner: gebaut auf der Friedr.-Krupp-Germaniawerft in Kiel, entwickelt von dem Hamburger Konstrukteur Max Oertz, gebaut in Krupp-Stahl aus Essen, mit Segeln von Mählitz in Berlin, bemannt mit 22 Eckernförder Matrosen und im Frühjahr 1908 getauft auf den deutschesten aller Namen: "Germania".

Auftraggeber war Gustav Krupp von Bohlen und Halbach (1870-1950). Die imposanteste Rennyacht ihrer Zeit kostete exakt 704024 Mark und 20 Pfennig. Der Preis war leicht zu verschmerzen, denn Gustav von Bohlen und Halbach war mit Bertha Krupp verheiratet, der Tochter des Kanonenkönigs Friedrich Alfred Krupp, einer der reichsten Frauen der Welt. Die Heirat hatte ihn zum Chef des Unternehmens gemacht und den Namen Krupp durfte er laut kaiserlichem Erlass nun ebenfalls tragen. Gut investiert war das Geld also, auch weil Krupp als kaiserlicher Hoflieferant in Sachen Kanonen und Panzerplatten bei Hofe verkehrte. Der Kaiser war begeisterter Segler, und über den Yachtsport ließ sich der Herrscher bei Laune halten. Das hatten die hanseatischen Kaufleute vorgemacht, als sie 1905 die "Hamburg" gegen die kaiserliche "Meteor" antreten ließen.

Der Kaiser war begeistert

Die Rechnung ging auf. Kaum schwamm die "Germania", da war seine Majestät auch schon an Bord. Die Zeitschrift "Yacht" schrieb zur Kieler Woche: "Germania hatte die hohe Ehre S.M. den Kaiser an Bord zu haben, der während des gesamten Rennens die Ruderführung hatte. Unter brausenden Hurrarufen der am Ziel versammelten Zuschauer gewann Germania die Regatta."

Wilhelm II. war so beeindruckt, dass er beim anschließenden Bierabend bei Krupp eine Yacht nach dem Vorbild der Germania orderte - ein bisschen größer, versteht sich. Die "Germania" war gebaut um vor Kiel und Cowes Regatten zu segeln. Aber im Sommer wurden auch Reisen auf der Ostsee unternommen. An Bord waren Freunde aus dem Hochadel, etwa die Preußen-Prinzen, und Prominente wie der Marinemaler Hans Bohrdt. Die Frauen trugen an Deck weite Hüte, die mit einem Schal am Kopf gesichert waren. Auch die langen Röcke waren alles andere als praktisch. Weit gemütlicher ging es unter Deck zu. Das Deckshaus diente als Frühstückssalon, das Wohnzimmer besaß einen Kamin, der Speisesalon hatte Platz für zehn Personen, im Damensalon stand ein Piano, dem Eignerehepaar stand eine Doppelkabine mit Bad und WC zur Verfügung. Man kochte auf Kohlefeuer, elektrisches Licht wurde von Akkumulatoren geliefert. Sechs Köche und Stewards kümmerten sich um das Wohl der Gäste.

Bertha Krupp liebte die See. Das hatte sie von ihrem Vater Friedrich Alfred Krupp (1854-1902) geerbt. Vor Helgoland und Capri war der Kanonenkönig meeresbiologischen Studien nachgegangen, und dem Kaiserlichen (heute Kieler) Yacht Club stellte er ein repräsentatives Klubhaus ans Hindenburgufer. Aber sehr oft war Bertha Krupp nicht an Bord, denn sie gebar acht Kinder. Die Liebe zum Segelsport vererbte sie ihrem Ältesten Sohn Alfried Krupp (1907-1967), der sich schon als kleines Kind an Bord der "Germania" auskannte. Als die herrschaftlichen Zeiten im Ersten Weltkrieg zu Ende gingen, fingen die Krupps ganz klein wieder an. Unter der Krupp'schen Rennflagge mit dem Greifen und dem Wappenspruch "Cave grypem" (Hüte dich vor dem Greif!) segelten nun die "Germania II" bis "Germania IV", kleine, offene Kielboote der 8-m-R-Klasse. Mit "Germania III" gewann Alfried Krupp 1936 vor Kiel sogar olympische Bronze.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, Alfried Krupp hatte als verurteilter Kriegsverbrecher seine eigene, aber mehr noch die Schuld seines inzwischen schwer kranken Vaters in siebenjähriger Festungshaft abzusitzen, gab es noch zwei weitere "Germanias". Mit "Germania V", 1956 in Bremen natürlich in Stahl gebaut, unternahm Alfried Krupp viele Reisen auf die Ostsee. Er ließ die 20 Meter lange Hochseeytourenyacht 1960 sogar im Transatlantik-Rennen starten und nahm 1962 am Buenos-Aires-Rio-Race teil. 1963 übernahm er in Bremen die "Germania VI", eine Hochseerennyacht, 22 Meter lang, provozierend in Lindgrün lackiert und - ein Bruch mit der Tradition - nicht in Stahl, sondern in Aluminium gebaut.

Immer noch im Einsatz

Dieses auch in den USA erfolgreiche Regattaschiff hat bis heute seinen Liegeplatz vor dem Yacht Club in Kiel. Im Frühjahr 1967 erlitt Alfried Krupp auf der "Germania VI" einen Hustenanfall. Der Bordarzt diagnostizierte Lungenkrebs. Einen Monat später war der letzte Krupp tot. Sein Schiff vermachte er der Krupp-Stiftung. Sein Generalbevollmächtiger Berthold Beitz nutzte die Yacht danach in seiner Eigenschaft als Sportfunktionär, besuchte die DDR und Russland. Noch immer ist der letzte Krupp-Segler im Einsatz, heute in der Segelausbildung.

Der Mythos Krupp, in den "Germania"-Yachten hat er sich bewahrt.

... schrieb das Hamburger Abendblatt am 28. Januar 2007