Am schwarzen Brett hängen Fahrgemeinschaftsgesuche, gemeinsam werden zukünftige Unternehmungen geplant. Hier ist alles normal, was man als Schreibtischhocker vielleicht als "Angeberei" bezeichnen möchte. Und doch riecht es in der Voswinkeler Scheune nach Afrika, die Luft schmeckt nach China, und das Gemurmel klingt verdächtig nach Südamerika. Ganz globetrotterisch lernt man sich kennen, alte Freundschaften werden aufgefrischt. Nichtstuer? Man mag sie so bezeichnen. Doch eins ist allen Weltenbummlern gemein: der Mut zum Abenteuer. Denn welcher Arbeitgeber nimmt schon gerne jemanden, der drei Jahre lang einfach "nichts" getan hat? Oder welcher Angestellte hat den Mut, kurz vor der Gehaltserhöhung alles sausen zu lassen, und für vier Monate nach Sri Lanka zu trampen?

Rox und Horst

Kierspe/Rönsahl. Ausgerechnet im Rönsahler Örtchen Vosvinkel trafen sich Deutschlands "Globetrotter" zur alljährlichen Vereinsversammlung. Die ,,Deutsche Zentrale für Globetrotter e. V." (dzg), das ist eine Informationsbörse, wo einer erzählt, wie man sich gegen agressive Wildtiere wehrt, und der andere verrät, was man macht wenn das Auto plötzlich mitten in der Wüste streikt, weil ein Reifen geplatzt ist. Ein Reiseunternehmen für "Austeiger"? - Davor haben sie am meisten Angst: so betrachtet zu werden. Man will unter sich bleiben. Das kann man schon an den Aufnahmebedingungen des Vereins sehen: Mitglied werden kann nur, wer bereits drei Monate auf eigene Faust durch außereuropäische Länder gereist ist.

Rund 1300 Weltenbummler gehören mittlerweile zum zwanglosen Club. Diese Entwicklung konnten die sieben Gründungsmitglieder im September 1974 nicht absehen. Sie hatten damals lediglich das Bestreben, sich nicht nur wie üblich, ab und zu irgendwo in der Welt, zufällig vielleicht mal in Deutschland. Wieder zu treffen, sondern regelmäßig ihre Erfahrungen auszutauschen. Und so ist auf dem Gut Voswinkel, wo etwa 350 ,Globetrotter mit Zelten, Wohnmobil oder Luftmatratze ausgerüstet vier Tage lang verweilen. der "klassische Globerotter" nur schwer zu beschreiben. Kurz benennen könnte man sie als ,"Aussteiger, die wieder einsteigen". Das Karl-May'sche Fernweh ist bei den wenigsten wiederzufinden. Interesse, angeregt durch Reiseliteratur, animiert Leute aus vielen Gesellschaftsschichten allein mit dem Auto, Zug oder Daumen in die Welt zu ziehen.

Doch warum nennen sie sich dann nicht "Reisende"? - Irgendwo steckt in ihnen allen die Abenteuerlust, und der Mut zum Risiko. Denn welcher Arbeitgeber nimmt schon gerne jemanden, der drei Jahrelang einfach nichts getan hat?

Mitten zwischen, Ostfriesennerzen und Gummistiefeln läuft ein Mann mit grauem Bart, Lederweste und Cowboystiefeln herum. Das ist Rox, der König der Globetrotter, wie ihn die Jüngeren liebevoll nennen. 60 Jahre ist er jetzt alt, ohne Rentenversicherung und fest eingezäuntem Häuschen im Grünen. Heinz Rox Schulz. das ist nicht mehr der Sportlehrer, der mit 27 zu Beginn der "zweiten großen Scheiße" mit dem Fahrrad nach Spanien und von dort nach Ägypten fuhr. Das ist ein Mensch, der stets bereit war, von anderen Völkern zu 1ernen, und seine eigene ganz globetrotterische Weltanschauung zusammengebastelt hat. So sieht er zum Beispiel den Tourismus als eine der postitivsten Errungenschaften des Fortschritts. "Früher begegneten sich Völker nur auf dem Schlachtfeld. Heute ist es fast jedem möglich, auf friedliche Weise fremde Kulturen zu beschnuppern und das ist gut am Tourismus, trotz all seine schlechten Seiten. Denn was macht es schon, wenn ein Bayer am Ganges sitzt und singt 'Warum ist es am Rhein so schön' - davor stirbt wenigstens keiner"! Was Rox am Fortschritt stört, ist eine ganz andere Sache - er kritisiert die Überversicherung: "Wenn man sich für alles versichern kann, geht die Freundlichkeit unter den Menschen verloren. Denn wer ist denn noch nett zum Nachbarn, wenn er seine Hilfe nie benötigt? Gastfreundschaft gibt es im Hotel und wenn es brennt kommt die Feuerwehr, wenn man sich streitet, ruft man den Anwalt, und wenn man krank ist bezahlt man die Hilfe im Krankenhaus". Unter seinem Cowboy-Hut hervorblinzelnd nimmt er sein Glas Bier und geht zu Horst hinüber: "Sag mal, wie hast Du eigentlich den Film über Deine Grönland-Fahrt gemacht? Ganz ohne Stativ?" Er streckt die Hand aus: "Gratulation!" Horst strahlt.

Informationsbörse" nennen sie das: an der Theke stehen und endlos plaudern. Plaudern darüber, wie das damals war. als Rox kein Geld mehr hatte, und auf die Idee kam, seine artistischen Künste vorzuführen. Oder, als ihn einmal Eingeborene gefangengenommen hatten, und er bei seiner "letzten Zigarette" anfing, Feuer zu spucken, so daß sie geblendet waren und nicht sehen konnten, wohin er blitzschnell in den Dschungel entkam. Oder wie es war, als Rüdiger den Eingeborenen für die Gastfreundschaft ein Geschenk geben wollte, leider aber nichts Passables bei sich hatte er führte als Gastgeschenk einige Zaubertricks vor.

Rüdiger Nehberg ist Konditor in Hamburg. Reisen in Gebiete, in denen mit möglichst noch kein Deutscher war, machen ihm besonders viel Spaß. Vor kurzem war er als Gast im "Kölner Treff" wo er Beispeile seiner Fertigkeiten zum Überlebenstraining gab.

"Interessenbörse" nennt man diese Situation bei einem der zahlreichen Treffen: Gemütlich mit dem Bier in der Hand berichtet jeder gern vom letzten Abenteuer und vom geplanten Unternehmen in der Zukunft.

Und so hat jeder der Anwesenden was zu erzählen. Hier verabredet man sich für zukünftige Unternehmungen, oder sucht Mitfahrgelegenheit nach Berlin oder München, hier ist fast alles erlaubt, was man als Schreibtischhocker vielleicht als "Angeberei" bezeichnen möchte.

Rox findet sein Abenteuer seit einiger Zeit vor der eigenen Haustür In Saarbrücken: Sein Aktiv-Abenteuer-Museum sehen sich täglich viele Leute an, und er hat alle Hände voll zu tun, die Fundsachen zu erklären. und gleichzeitig die passenden Geschichten dazu zu erzählen. Enthalten sind in den Museum Gegenstände, die er in seinen Ein-Mann-Expeditionen selbst gefunden und mitgebracht hat: eine Mumie aus Südamerika wurde kurzerhand im Seesack mit der Post geschickt, einen Schrumpfkopf fand er mehr zufällig. Alles Zeugen vergangener Zeiten, die nicht nachträglich modelliert wurden, sondern durch das Leben in einer Kultur geprägt, und nach dem Miterleben dieses Herz- und Kopf-Weltenbummlers von ihm nach Hause gebracht wurden.

"Rox, was war eigentlich Dein gefährlichstes Erlebnis? - "Eine Fahrt im Auto von Essen nach Saarbrücken."

von Barbara Jansen

(WR-Bilder [2]: Jansen)

... schrieb die Westfälische Rundschau, Pfingsten 1978