Der Weltenbummler auf seiner letzten großen Reise

Horst Walther: Auf seiner vorerst letzten
großen Reise erlebte er den Urwald.

(Foto: Bonath)

Veersebrück. Horst Walther (32) aus Veersebrück (an der Bundesstraße 75 zwischen Rotenburg und Scheeßel), seit wenigen Monaten promovierter Chemiker, noch im Institut für anorganische Chemie der Universität Hamburg tätig und ab kommenden Jahres Industriechemiker, kennt nicht nur chemische Reaktionsformeln. Der junge Doktor kennt von einer Reihe großer Reisen her auch viele Teile der Welt. Und um noch einen Beweis seiner Vielseitigkeit zu geben: Horst Walther hat so ganz "nebenbei" Iranistik studiert. Als "Frucht" gibt er zum Ende dieses Jahres ein Deutsch-Persisches Wörterbuch zum Heidenepos "Schahnameh" heraus. Mit 30.000 Stichwörtern handelt es sich dabei um die Basis der heutigen persischen Sprache. Das Ganze könnte die Keimzelle für ein umfassendes Deutsch-Persisches Wörterbuch sein, das es bis heute noch nicht gibt. Die vorerst letzte große Reise führte Horst Walther jetzt in das südamerikanische Land Peru, ein armer Staat mit großer Vergangenheit und weitgehend unberührter Natur. Der Dschungel war es, der Walther hier besonders faszinierte.

Seit 1970 hat Horst Walther jedes Jahr große Reisen nach Asien unternommen: Indien, Persien, Afghanistan, arabische Länder. Mit dem bekannten Hamburger Abenteurer und Bäckermeister Rüdiger Nehberg unternahm er vor sechs Jahren eine abenteuerliche Reise nach Äthiopien. Nachdem der Dipl.-Chemiker 1980 mit einem Unimog Hilfsgüter zu Erdbebenopfern nach Jugoslawien gebracht hatte, widmete er sich ganz seiner Doktorarbeit.

Zurück zur Reise nach Peru:

Horst Walther hatte in diesem Jahr Gelegenheit, an einer großen Atlantiküberquerung mit der Segeljacht "Germania VI" teilzunehmen. Die "Germania VI" (14 Mann Besatzung) galt, als sie vor 21 Jahren vom Stapel lief, als Sensation: das erste ganzgeschweißte Aluminiumschiff der Welt! Es gehört der Friedrich-Krupp-von-Bohlen-und-Halbach-Stiftung, mit dem jedes Jahr große Törns zur Ausbildung junger Segler unternommen werden.

Nach vier Wochen auf dem Meer war San Juan in Puerto Rico erreicht. Für Walther ein großes Erlebnis, das im Hafen aber nicht enden sollte. Die Bergstiefel hatte er gleich im Gepäck, und die Freundin Brigitte, 27jährige Dipl.-Mathematikerin, kam mit dem Flugzeug nach.

Dr. Walther: "Peru ist inzwischen eines der Zentren des Bildungstourismus. Deshalb war es unser Bestreben, uns von den Brennpunkten abzusetzen". Die beiden fuhren nach Cuzco, jener alten Inka-Hauptstadt eines Riesenreiches, das vom heutigen Ecuador bis Chile und vom Pazifik bis tief in den Dschungel reichte und das von den Spaniern so gründlich zerstört wurde. Auf dem Markt der jetzt 200.000 Einwohner zählenden Hauptstadt heuerten die beiden einen Biertransporter an. Auf Kronkorken sitzend und in Begleitung von Soldaten sowie Indios ging es in Richtung Puerto Maldonado, einer Stadt von etwa 40000 Einwohnern im Osten des Landes, mitten im Urwald. Eine strapaziöse Reise auf unbefestigten Straßen, die bis in 4800 Meter Höhe verliefen.

Von einer Schmutzkruste überzogen kam das Paar in Puerto Maldonado an. Hier gab es keine Touristen, aber den 36jährigen Victorio, Sohn einer reichen Familie aus Lima, der das bequeme Leben satt hatte, und sich als Grafiker über Wasser hielt und Horst Walther zusammen mit dessen Freundin in seine Hütte am Ufer des Madre de Dios einlud. Jener Fluss, aus dessen Sand noch heute relativ viel Gold herausgewaschen wird. Victorio bot sich den beiden als Führer für eine Fahrt in den Urwald an. Wenige Meilen Flussfahrt, und die drei waren mitten im Dschungel. Eine andere Welt! Schlangen ließen sich von Bäumen fallen, Krokodile glitten, vom Motorengeräusch des Bootes aufgeschreckt, verschlafen in das bräunliche Wasser. Von der Hitze getrieben wagte Horst Walther den Sprung in das kühlende Nass. Eine kleine Wunde, und der 32jährige hätte jetzt von seinen Erlebnissen nicht erzählen können: hier leben die Piranhas, die gefürchteten Raubfische, die, einmal Blut gerochen, ihr Opfer in Sekundenschnelle zerfleischen. Walther: "Victoro hat uns in diesen zwei Tagen in seiner von ihm angelegten Kleinsiedlung das Leben im Dschungel nahegebracht. Er hat uns klargemacht, dass das Leben im Urwald lebenswert sein kann". Wenn sich der Besucher richtig verhält und sich auf seine Umgebung einstellt! In Victorios Hütte ließ es sich gefahrlos leben: der Fußboden aus dem harten Holz der Eisenholzpalme, das Dach aus Blättern einer Verwandten des Maiglöckchens geflochten. Wände gibt es nicht, Hunde und Schweine unter der auf Stelzen stehenden Hütte halten Schlangen und Ratten fern.

Viele kamen nie wieder aus Dschungel zurück, weil von der grünen Pflanzenwand jeder Laut verschluckt wird. Dabei lassen sich durch Schläge an die langen Brettwurzeln laute Töne erzeugen. Es gibt Bäume, die milchweiße Flüssigkeit spenden und ein wirksames Mittel gegen Lungenkrankheiten sind. Aus Rinde des Chininbaumes kann Tee gegen Fieber gebraut werden, eine Liane lässt sich als Mittel gegen Schlangenbisse benutzen. Walther, der noch eine Vielzahl anderer Beispiele nennen kann: "Wenn man das alles weiß, dann ist der Urwald kein Feind".

... schrieb die Rotenburger Kreiszeitung am 5. November 1983