Alexander der Große

77 - Der Winterfeldzug im Hindukusch (330-329)

Nach diesen Regelungen zog er in Richtung Baktra gegen Bessos weiter, wobei er unterwegs die Drangiana und Gedrosien unterwarf. Auf seine Seite brachte er auch die Arachoten und setzte über sie Menon als Satrapen. Er kam sogar bis zu den den Arachoten benachbarten Indern, doch war der Marsch zu diesen Völkern wegen des dichten Schneefalls nur unter größten Strapazen für die Soldaten und Mangel an Verpflegung durchführbar. Auf Nachrichten von erneutem Abfall in der Areia hin - Satibarzanes sei mit 2000 Reitern, die ihm Bessos gegeben hatte, wieder in das Land eingefallen - schickte er gegen die Aufständischen den Perser Artabazos zusammen mit Erigyios und Karanos, zwei Hetairen; mit ihnen sollte auch Phrataphernes, Satrap von Parthien, in die Areia einmarschieren. Es kam dabei zu einem harten Kampf zwischen Erigyios sowie Karanos mit ihnen Leuten und Satibarzanes, und nicht eher gaben die Barbaren nach, bis Satibarzanes im Zweikampf mit Erigyios zusammengeriet und von Erigyios durch einen Speerstoß ins Gesicht getötet wurde. Jetzt erst wichen die Feinde und stoben in wilder Flucht davon.

Inzwischen rückte Alexander gegen das Kaukasusgebirge vor, wo er eine Stadt gründete und ihr den Namen Alexandreia gab. Darauf opferte er den Göttern, welchen der Brauch zu opfern gebot, und überstieg dann das Gebirge. Zum Satrapen des Landes hatte er zuvor Proexes, einen Perser ernannt, während als militärischer Kommandant Neiloxenes, ein Hetaire, mit einer Abteilung zurückgelassen worden war.

Das Kaukasusgebirge ist, wie Aristobulos angibt, ebenso hoch wie irgendein Gebirge Asiens und großenteils an dieser Stelle unbewaldet. Der Kaukasus selbst bildet einen langen Gebirgszug; und so wird auch behauptet, der Taurus, der Kilikien von Pamphylien scheidet, hänge mit diesem Kaukasus zusammen, ähnlich wie eine Reihe anderer hoher Gebirge, die, von diesem Kaukasus getrennt, nach der Gewohnheit der Völker verschieden benannt werden, die sie bewohnen. In dem genannten Kaukasus nun wächst, wie Aristobulos berichtet, nichts als Silphion und Tereminthen, aber dennoch war er reich bevölkert, und auf ihm weideten Schafe wie Rinder in großer Zahl; Schafe nämlich haben eine Vorliebe für Silphion, und wenn sie die Pflanze schon von weitem wittern, laufen sie darauf zu und fressen die Blüten ab, ja sie scharren selbst die Wurzeln aus dem Boden und verzehren auch die. Daher führt man in Kyrene die Schafherden möglichst weit weg von Plätzen, an denen man Silphion anbaut, ja man umzäunt die Plantagen, um zu verhindern, dass die Schafe in die Nähe gelangen und in die Pflanzungen einbrechen, denn für die Kyrenaier ist Silphion besonders wertvoll.

Bessos, der bei sich noch die an der Verhaftung des Dareios mitschuldigen Perser hatte, dazu an 7000 Baktrer und daische Hilfstruppen aus der Gegend jenseits des Tanais, suchte das Gebiet im Vorland des Kaukasus zu verwüsten, um durch eine tote Zone zwischen sich und Alexander und dazu durch Mangel und Not diesen an weiterem Vorrücken zu hindern. Dieser jedoch ließ sich dadurch nicht beeindrucken und marschierte trotzdem, obgleich dies wegen der Schneemassen und des Mangels an Nötigstem nur unter größten Schwierigkeiten möglich war. Auf die Meldung nun, Alexander sei bereits in nächster Nähe, überschritt Bessos den Oxus, verbrannte darauf die Fährschiffe und suchte sich nach Nautaka in der Sogdiana zurückzuziehen. Ihm folgten Spitamenes und Oxyartes mit ihren Leuten, Reitern aus der Sogdiana, dazu Daer von jenseits des Tanais. Die baktrischen Reiter hatten sich, sobald sie von den Fluchtabsichten des Bessos hörten, jeder für sich nach Hause begeben.

Nach Drapsaka gelangt, ließ Alexander sein Heer rasten und rückte dann nach Aornos und Baktra vor, den größten Plätzen im baktrischen Gebiet. Er nahm beide im ersten Anlauf und ließ eine Besatzung auf dein Burgberg von Aornos zurück, zu deren Kommandant er Archelaos, Sohn des Androkles, einen Hetairen, ernannte. Zum Satrapen über die anderen Baktrer, die sich ihm anstandslos unterwarfen, machte er den Perser Artabazos.

Er selbst zog zum Fluss Oxus. Dieser entspringt im Kaukasus und ist in Asien der größte Strom von denjenigen, an die Alexander oder seine Leute je kamen, außer den indischen Flüssen: Diese sind ja bekanntlich die größten überhaupt. Der Oxus mündet in das Meer bei Hyrkanien. Als man ihn überqueren wollte, erschien dies als völlig unmöglich, denn seine Breite beträgt bis zu sechs Stadien; seine Tiefe entspricht dieser Breite keineswegs, er ist im Verhältnis dazu viel tiefer, zugleich sandig und seine Strömung stark, so dass Brückenfundamente, im Sande kaum fest zu verankern, durch die Strömung leicht aus dem Boden herausgespült wurden. Erschwerend machte sich auch der Mangel an Baumaterial bemerkbar; es bedeutete ziemliche Verzögerung, wollte man erst aus weiter Entfernung alles zum Brückenbau Erforderliche heranschaffen. So ließ Alexander die Lederhäute sammeln, die die Soldaten zum Zelten benutzten, sie mit möglichst trockenem Stroh füllen, dann sorgfältig zusammenschnüren und vernähen, um ein Eindringen des Wassers zu verhindern. Gefüllt und vernäht, ermöglichten sie tatsächlich das Übersetzen der ganzen Armee innerhalb von fünf Tagen.

Vor dem Überschreiten aber hatte Alexander die ältesten, nicht mehr einsatzfähigen seiner Makedonen ausgesondert und sie sowie die freiwillig bei ihm gebliebenen Thessaler nach Hause entlassen. Auch sandte er Stasanor, einen der Hetairen, in die Areia, um Arsakes, den Satrapen, festzunehmen; denn, wie es schien, trieb dieser Sabotage. Stasanor wollte wollte selbst die Satrapie übernehmen.

aus Arrian: Der Alexanderzug - Indische Geschichte, Buch III, Kap. 28-29; Griechisch und deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Gerhard Wirth und Oskar von Hinüber; ARTEMIS VERLAG, München und Zürich.

Horst Walther, Hamburg,