Anhang

Februar in Ostanatolien ...

Es ist bitterkalt. Die im Sommer so trostlos wirkenden braun verbrannten Berge wirkten wie verzaubert. Alles tief verschneit. Aber wenn man einen angehenden Archäologen an Bord hat, dann bedeutet die Witterung keinen Hinderungsgrund, um alles nur entfernt nach Ruine Aussehende gründlich zu untersuchen. Vankale, eine imposante urartäische Festung am Van See. Ein solches Bauwerk zu untersuchen, verlangt auch einem Frühgeschichts-Laien einen Tag ab.

Und wer tagsüber in den Trümmern kraxelt, der muß halt nachts fahren, wenn er voran kommen will.

Wir - das waren drei Studenten und ein alter BGS-Unimog: JöJa, genannt Big Rödel, blond, blauäugig, groß, dick und stark, Reserveoffizier, Verkörperung dessen, was ein Deutscher zu sein hat - unser Vorzeigegermane. Er war Geograph und sammelte hier vor Ort Daten für seine Examensarbeit.

UlKa, Archäologe, Amateur-Ralleyfahrer. Unvoreingenommene assoziierten sein Äußeres oft spontan - und ungefragt - mit dem einer Wühlratte.

Und ich, Chemiker und Hobby-Iranist, bisweilen auch als Little Rödel agierend. Der weiteren Charakterisierung enthalte ich mich. Sie könnte zum Bumerang werden.

Großes Abendessen in Baskale, dem letzten Ort in der Türkei, noch zwei Flaschen Wodka für die Fahrt und alsbald verschwanden wir wieder im Dunkel der finsteren Winternacht. Obwohl die Strecke nicht besonders schwierig war, war die Fahrerei doch nicht ganz einfach. Dichtes Schneetreiben und schier undurchdringlicher Nebel erschwerten nebst der heimtückischen Schneeglätte die Fahrt. Es war überaus ermüdend, und so 35 km vor der iranischen Grenze ließ ich mich von JöJa ablösen, um etwas zu schlafen. So recht gelang das mit dem Einschlafen auf dem Beifahrersitz allerdings nicht. Man schläft dann schon halb, halb ist man noch wach, und man hat Halluzinationen. Die Träume, die man hat, spielen sich in der Umgebung ab, und die Umgebung und alles, was sich darin abspielt, wird in die Träume eingeflochten. Ich hatte gerade wieder so eine Halluzination: Aus dem Nebel sprangen von links und von rechts martialisch aufgemachte, bis an die Zähne bewaffnete Soldaten hinter Schneewällen hervor und legten auf uns an. Aber, was war das? Hatte JöJa etwa die gleiche Halluzination? Den gleichen Traum? Er bremste plötzlich, als stünde er vor einem Abgrund. Und nun merkte auch ich, daß keiner von uns beiden geträumt hatte. "Mensch, halt an!" schrie ich. Aber da stand er auch schon und sieben finster dreinblickende Gestalten drängten sich um das Fahrerhaus unseres Unimogs, uns die Mündungen ihrer deutschen G3-Gewehre ins Gesicht haltend. "Passaport!" hieß es unmißverständlich. Erleichterung machte sich breit: wenn erst der Papierkrieg losgeht, dann ist der richtige Krieg beendet.

Man merkte uns mit dem Instinkt des Naturburschen auch recht bald an, daß wir trotz der ungewöhnlichen Stunde und des militärischen Gefährts lediglich "harmlose Irre" waren, die hier ihrem lächerlichen Treiben nachgingen. Eine halbe Flasche Wodka, an die bibbernde Soldateska ausgeteilt, löste die Zungen und lockerte die Atmosphäre.

Aber aufgeregt waren sie immer noch. Einer von ihnen rannte schnell zu einer Telegraphenstation, einer Art Feldtelefon und brüllte irgendwas in den Hörer. Nun wurde unser Erschrecken aber doch groß: Alle Mann traten, koste es wen es wolle, in unseren vollbesetzten Wagen. Der Rest der Mannschaft hinten im Wohnkoffer schlief noch und hatte gar nicht recht mitgekommen, was eigentlich vorgefallen war. Nun wurde ihnen aber doch recht kraß einiges klar. Während sie noch den letzten Träumen nachhaschten, stiegen auch schon vier Soldaten in voller Montur auf ihre Füße nebst Bettdecken. Dazu mußte auch ich noch hinten unterkommen, denn vorne fanden noch zwei zusätzliche Bewaffnete Platz - wie, das ist bis heute ungeklärt. Zum Glück war die Garnisionsstation nicht mehr weit, und nach sieben Kilometern wurde unser überladenes Gefährt wieder entlastet.

Mit gemischten Gefühlen stolperten wir nach draußen in den Schnee. Doch der Garnisionskommandeur kam uns auf den Stufen schon entgegne und empfing uns buchstäblich mit offenen Armen. Er entschuldigte sich vielmals für die etwas abrupte Unterbrechung unserer Fahrt. Sichtlich erfreut über diese willkommene Abwechslung hieß er uns in exzellentem Französisch willkommen und ließ auch schon gleich ein Abendessen auftragen.

Bei Wodka, Früchten und Fleisch am Spieß erfuhren wir auch, warum all das inszeniert worden war.

Organisierte Banden, deren Hintermänner in Ankara, Istanbul oder Teheran leben, betreiben einen lebhaften Schmuggel über die Grenze. Gerade in so finsteren Winternächten wie diesen wird der heiße Stoff, meist Opium, mit Lkws bis dicht vor die Grenze gefahren. Auf Eselspfaden geht es dann hinüber nach Persien.

Bei einer Kontrolle schießen die Schmuggler meist zuerst. Jetzt verstanden wir auch die Nervosität unserer "Anhalter". Wäre der Wagen nicht gleich zu stehen gekommen, hätten sie auch leicht durchdrehen können.

Auf diese Weise aber kamen wir zu richtigen Betten in geheizten Räumen und konnten morgens gründlich gewaschen und gut gefrühstückt vor die Grenze fahren.


Chabahar, so heißt der Ort, von dem man uns so viel erzählt hatte. Chabahar, das heißt "Vier Frühlinge". Hier sollte einem das ganze Jahr über die Sonne lachen. Hier sollte es das noch geben: einsame, weite Strände und ein warmes sauberes Meer.

Es war Anfang März.

Während der Anreise durch die tief verschneite Türkei und das wahrhaft 'saukalte' westliche Persien, in so manch eisiger Nacht im ungeheizten Wohnkoffer unseres Unimog haben wir von diesem Ort im äußersten Südosten des Landes am Indischen Ozean, nahe der pakistanischen Grenze, geträumt. Seit dem Verlassen der Asphaltstraße hatten wir 1.500 km, teils mörderischer, "Waschbrettpiste" hinter uns gebracht. Je näher unser Ziel rückte, desto wilder wurde die Landschaft. In halsbrecherischen Serpentinen wand sich die dürftige Schotterstraße durch die bizarr zerklüfteten Gebirge oder führte unerschrocken geradewegs über Dünen.

Wir waren hier im "Makran Coastal Range".

Und hier geschah es zu später Stunde, daß der Windflügel den Kühler "küßte", wovon namentlich letzterer nicht gerade besser wurde. So mußten wir fortan alle 20 bis 45 km Wasser nachgießen. Auch sonst hatte die Piste wieder knallhart zugeschlagen: Alle Schrauben waren locker, und das Getriebe hing in seiner Aufhängung wie ein Wackelpudding.

Datteloasen von nie gesehener Üppigkeit wechselten mit öden buschbestandenen Landstrichen. In manchen Orten hat man bisweilen den Eindruck, als litten die Hälfte der Bevölkerung an Trachom - aber vielleicht waren die Gesunden nur auf den Feldern zur Arbeit. Ein unvergeßlicher Anblick am Morgen: Auf einer steilen Klippe, hoch über einem trockenen Wadi stand, von den ersten Sonnenstrahlen erleuchtet, eine schneeweiße Emirsburg, wehrhaft stolz und prächtig gen Himmel ragend. Um sie herum standen armselige Palmblätterhütten, Hasiri genannt. Stärker könnte der gesellschaftliche Kontrast sich gar nicht in der Bauweise widerspiegeln.

Die Gegend erinnerte schon stark an Oman. War das überhaupt noch Persien? Hier im glutheißen Tiefland, wo kaum noch jemand Persisch verstand, war alles so anders. Teheraner Straßenbauingenieure, die die starke Hand des Shah hierhin verbannt hatte, behandelten uns wie lang entbehrte Boten der fernen Heimat, während sie zu ihren finstren Landsleuten ängstlich Distanz hielten.

Dann Chabahar! War das eine Enttäuschung: Drei Straßen, zwei parallel, eine quer. Selbst der in Persien sonst unentbehrliche Kreisverkehr mit Blumenrabatten und einem laut pfeifenden Polizisten fehlte. Zum Kampieren wies man uns den Flugplatz zu, wo wir denn auch blieben. Flugzeuge? - Nein, die haben wir nicht gesehen.

Süßwasser gab es in einem Hinterhof der Nationalbank. Die Tankstelle des Ortes bestand aus einer Lehmhütte mit einigen rostigen Fässern. Der Zapfschlauch wurde durch ein vergittertes Fenster nach draußen gereicht. Tankuhren waren unbekannt.

Doch allenthalben machte sich Veränderung bemerkbar. In Konarak, gute 30 km von hier, war ein gigantischer Militärflugplatz im Entstehen begriffen. Von hier aus wird später die "Phantom"-Staffel über den Indik operieren.

Schwere "Mack"-LKW's arbeiteten sich mühsam über den trügerischen Boden ausgetrockneter Salzmarschen den Baustellen entgegen.

Wir aber wandten uns ab.

UlKa hatte inzwischen den "Strand" inspiziert.

"Ach, weißt du," begann er, "da kommt die Wüste so an, und plötzlich hört sie auf, und 3 Meter tief er schaust du in die trüben Fluten der See."

Na, auf den Schreck genehmigten wir uns ausnahmsweise ein paar Bierchen im "Chabahar Inn"

So also ist das traumhafte Chabahar! - Na, denn man prost!


"Vor zwei Jahren sind da welche durchgekommen", sagte der dicke Wirt des "Chabahar Inn", während er mit einer Ruhe, wie sie für Staatsangestellte in diesem Lande typisch ist, unsere Biere einschenkte, "sieben voll ausgerüstete Landrover waren es, und sieben Tage haben sie gebraucht - und hinterher haben sie hier bei mir kräftig einen gehoben." Nun, eine Straße schien es in der Tat nicht zu sein, was auf unseren Karten schon vorsichtig als gestrichelte Linie eingezeichnet war.

Aber was Landrover können, das kann ein Unimog schon lange, und so war es beschlossene Sache:

Von Chabahar, im äußersten Südosten Persiens wollten wir an der Küste entlang bis Bander Abbas vorstoßen, jener aufblühenden Hafenstadt am Persischen Golf.

Zuvor aber mußte noch unser lecker Kühler wieder geflickt werden, was in einem der abenteuerlichen ausgestatteten "Workshops" von geschickter pakistanischer Hand besorgt wurde - nach vielfacher Reklamation und gutem Zuspruch allerdings, begleitet von permanentem Teetrinken und Diskussionen speziell über Gott und die Welt.

Auch einer von uns, den wir ob seines militaristischen Vorlebens und seines ungebrochenen blinden Aktivismus "Big Rödel" nannten, bedurfte einer Generalüberholung, da er sich eine schwere rheumatische Angina zugezogen hatte. Das kleine Krankenhaus von Chabahar war modern eingerichtet und kostenlos, und die hübschen kleinen Krankenschwestern wollten sämtlich gerne einem großen starken Germanen angetraut werden. So kostete es dem Rest der Mannschaft einige Mühe, Big Rödel überhaupt für eine Weiterfahrt zu interessieren.

17. März frühmorgens, die Sonne kündigte sich durch einen ersten rosaroten Schimmer am Horizont an. Die Wüste lag noch im Dunkel, es war Tau gefallen. Der endlose Ozean rollte gemächlich gegen die widerspenstigen Klippen an - er hatte Zeit. Eine leichte Seebrise trug uns den Geruch von Salz und Tang zu. - Fast hätte man bleiben können: Es war alles so friedlich, so erhaben.

Doch für uns ging es nun los!

Der Vierte im Bunde war Ghulam Hosseyn, kurz GuHo genannt, ein Perser, einer jener Unglücklichen, die zwecks Ableistung ihres Wehrdienstes aus den fürsorglichen Armen ihrer Sippe gerissen werden, um hier im finstersten Winkel unter hartem Drill dem "Vaterland zu dienen".

"Is' ja 'n büschen blöde, aber sonst ganz nett!" bemerkte UlKa treffend, und meine Tagebucheintragung von damals lautete: "Er spricht etwa so gut Englisch, wie ich Persisch, was für uns beide kein Kompliment ist."

Auf jeden Fall hatte er das gleiche Ziel wie wir, und er trug Uniform, was uns noch sehr nützlich sein sollte. Um Konarak machten wir einen großen Bogen. Der Ort war eine große Baustelle. Hier war, mitten in der Einöde, ein Militärflugplatz, die künftige Drehscheibe für die Luftwaffe des Iran, im Entstehen. Da hätten wir in dem Gewirr von Fahrspuren niemals die für uns relevante nach dem fernen Bander Abbas wiedergefunden. außerdem wußten wir aus Erfahrung, daß militärische Bauten gerne für geheim gehalten werden wollten.

Unserer obligatorischen Verhaftung entgingen wir dennoch nicht.

Im nächsten Ort, Key mit Namen, wurden wir vorsichtshalber erst einmal festgenommen, da wir ja das Verbrechen begangen hatten "Umherreisen ohne ausdrückliche Genehmigung des Shah". Hier zeigte GuHo seine Qualitäten: Er konnte die gestrengen Gendarmen davon überzeugen, daß wir echte Touristen = harmlose Irre seien. Große Erleichterung allerseits. Nach der Pflicht kam die Kür: Es wurde Tee serviert, ein Essen aufgefahren, und der Abschied war regelrecht herzlich.

Der Weg wurde von nun an schwierig. Es ging in die Mashile, einer aus Dünen und Salzmarschen bestehenden fast unwegsamen Gegend.

Wie die Spuren bewiesen, suchte sich hier jeder selber seinen Weg. Wir suchten uns eine Spur und folgten ihr: Die Düne 'rauf, die Düne wieder 'runter und hinein in den Salzmorast, daß die trüben Fluten nur so spritzten. Oh, verdammt, die Kiste will nicht mehr so recht, dreht durch, versinkt. Schnell Vierradantrieb 'rein, kaum Wirkung, die Räder sind schon verschwunden. Wer weiß, wie alt die Spuren waren, vielleicht noch aus der Trockenzeit? Und hatte man uns nicht von Jeeps, ja von ganzen Kamelkarawanen erzählt, die in diesem trügerischen Morast einfach versackt waren? Differentialsperren eingelegt, Lenkrad voll eingeschlagen, Vollgas. Der Schlamm spritzt, und unser kleines Ungetüm ächzt und schnauft, arbeitet sich schlingernd zentimeterweise voran, dem rettenden Dünenrand zu. Da, ein Rad faßt festen Grund. Wir sind 'raus! Das war wirklich knapp. Fortan nahmen wir uns Führer, wenn wir konnten. GuHo kommandierte einfach irgendwelche Hirten zur Gratis-Dienstleistung zu Gunsten der "Iranischen Armee" ab.

Bizarr gefaltete Gebirge wechselten mit Dünen oder tief versandeten Wadis, durch die wir uns mühsam mit "allen gezogenen Registern" hindurchkämpfen mußten.

Der Tag ging zur Neige, und es kam immer noch kein Ort. Sollten wir hier in der Einöde übernachten? Man hatte uns von Räubern und anderen finsteren Gesellen erzählt.

Da, ein Feuer auf einer Düne, Zelte, eine Antenne: eine Militärstation. Na, dann nichts wie hin.

Nach anfänglicher Verblüffung war man hocherfreut über diese seltene Unterbrechung des eintönigen Dienstes. Der Befehlshaber des Camps, ein altgedienter Beluche, bat uns ins Zelt und ließ Tee auftragen. Einen so warmen und herzlichen Empfang hatten wir hier nicht erwartet. Es war als wäre man nach Hause gekommen. Vielleicht muß man erst in die Einsamkeit der Wüste ziehen, um sich so über die Begegnung mit anderen Menschen zu freuen.

Draußen färbte die untergehende Sonne den Himmel blutrot, und die leichte Seebrise frischte zu einem angenehm kühlenden Wind auf. Derweil wurde im Zelt ein großes Tuch ausgebreitet, um das wir uns alle im Schneidersitz in den Sand hockten. Auf einem großen Tablett wurde ein riesiger Berg Reis aufgetragen, vom Safran gelb gefärbt, mit duftendem Hammelfleisch gespickt. Der alte Beluche reichte uns persönlich die besten Fleischbrocken zu. Dazu gab es frisches, noch dampfendes Fladenbrot und starken, gesüßten Tee. Jetzt erst merkten wir, wie hungrig wir waren und langten kräftig zu. Aus dem Kofferradio drang jene heiße mitreißende Musik von diesseits und jenseits des Golfes, und unser Gastgeber wußte spannende Geschichten aus seinem langen wechselvollen Leben zu erzählen. Trotz unseres dürftigen Persisch lauschten wir bis spät in die Nacht.

Der Mond ging gerade hinter den Palmen der nahen Oase auf, als wir endlich in unsere Schlafsäcke krochen und' uns in den noch warmen Sand kuschelten. Über uns funkelten die Sterne, und von Ferne konnte man das Rollen der Brandung gegen den Strand hören. Und wir schliefen mit der Gewißheit ein: Das ist der Höhepunkt der Reise.

Horst Walther, Hamburg,